„Lass das!“ – Wie eine Gruppe Unternehmer im BIBA ihre Traumfabrik baute (und wieder einriss)

Juni 24, 2026 | Netzwerktreffen, Neuigkeiten

Ein Nachmittag im BIBA in Bremen. Auf den Tischen liegen keine Tabellen, sondern Post-its, Kärtchen und jede Menge Baumaterial. Hier entsteht die Fabrik der Zukunft. Aber zuerst muss sie scheitern.

Es ist kurz nach halb zwei, als auf den großen Papierbögen das Chaos ausbricht.

Eine Gruppe steht um den Tisch, in der Hand Post-its, Stifte und ein paar Bausteine. Vor ihnen liegt ein leerer Bogen Papier, der gleich eine ganze Fabrik werden soll. Nicht irgendeine Fabrik. Die Traumfabrik. „Baut die Fabrik der Zukunft“, lautet die Aufgabe. „Alles ist möglich. Kümmert euch nicht um die Umsetzbarkeit.“

Das klingt nach Spielerei. Aber es ist ernst gemeint.

Wer an diesem Tag ins BIBA gekommen ist, das Bremer Institut für Produktion und Logistik, hat etwas vor: die eigene Produktion neu denken. Sensoren, die mitdenken. Maschinen, die miteinander reden. 5G-Netze, die Datenflüsse in Echtzeit durch die Halle schicken. Manches davon gibt es längst. Anderes muss erst noch entwickelt werden, und genau darin liegt der Reiz. 

Klingt abstrakt? 

Genau deshalb wird jetzt gebaut. Denn abstrakte Ideen lassen sich schlecht diskutieren. Eine Fabrik aus Papier, Kärtchen und Bausteinen dagegen schon.

Erst träumen, dann denken

Die Methode dahinter hat einen Namen: die Walt-Disney-Methode, kombiniert mit einem Ansatz namens „Build Your World“. Die Idee ist so simpel wie wirksam. Man durchläuft drei Rollen, eine nach der anderen.

Zuerst der Träumer. Hier ist alles erlaubt. Grenzenlose Phantasie, keine Bedenken, keine Kostenfrage. „Was wäre, wenn?“ ist die einzige Regel. In dieser Phase wachsen die Fabriken in den Himmel. Vollautomatische Lager. Sensoren an jeder Maschine. Eine 5G-Abdeckung, die lückenlos jede Ecke der Halle versorgt.

Es gibt einen Grund, warum hier mit den Händen gebaut wird und nicht nur geredet. Wer etwas mit den eigenen Händen erschafft, versteht es besser. Studien zeigen: Während ein klassischer Vortrag nur einen kleinen Teil unserer Aufmerksamkeit aktiviert, springt das Gehirn bei Tätigkeiten mit der Hand auf ein Vielfaches an. „Thinking with your hands“ nennt man das. Und tatsächlich: Sobald die ersten Kärtchen liegen, fängt das Gespräch an zu laufen. Plötzlich sieht man, was man meint.

Dann kommt der Realist

Nach 30 Minuten Traumphase wechselt die Stimmung. Jetzt schlüpft die Gruppe in die Rolle des Machers. Die Frage ist nicht mehr „Was wäre schön?“, sondern „Was geht wirklich?“. Welche Ressourcen brauchen wir? Was haben wir schon? Lässt sich der Ansatz testen?

Hier werden Post-its verschoben, neu geordnet, manche fliegen raus. Genau dafür wurde übrigens nichts direkt auf den großen Bogen geschrieben, sondern alles auf Kärtchen. Damit man jederzeit umbauen kann. Die Traumfabrik bekommt ein Fundament.

Und schließlich der Kritiker

Die unbequemste Rolle kommt zum Schluss: der Kritiker. Was spricht dagegen? Wo lauern Risiken? Was wurde übersehen?

Und hier wird es ungemütlich. Denn jetzt muss die Gruppe an die eigene schöne Idee ran. Drei Fragen entscheiden über jedes einzelne Element der Traumfabrik: Was bleibt, weil es heute schon machbar ist? Was muss weg, weil die Kosten zu hoch, die Rechtslage unklar oder es schlicht nicht umsetzbar ist? Und, am spannendsten: Was muss erst noch entwickelt werden, weil es so heute noch gar nicht existiert?

Denn genau diese dritte Kategorie ist der eigentliche Schatz. Was in der Traumfabrik steckt, aber heute noch nicht funktioniert, ist nicht einfach unrealistisch. Es ist oft die nächste technische Innovation, nur eben noch ungebaut. Der Sensor, den es so noch nicht gibt. Die Vernetzung, die heute noch an einer Lücke scheitert. Die Anwendung, für die das 5G-Netz erst noch eine Funktion lernen muss.

Das ist der Moment, in dem manch eine liebevoll gebaute Konstruktion wieder eingerissen wird. Es tut ein bisschen weh. Aber genau hier passiert das Wichtigste: Aus dem Traumschloss wird eine echte Fabrik. Und aus einer „geht noch nicht“-Idee wird vielleicht das nächste Forschungs- und Entwicklungsprojekt.

Vom Spielen zum Ernst

Was übrig bleibt, ist keine Phantasie mehr. Es ist eine durchdachte, realistische Smart-Factory-Idee, die das ganze Team gemeinsam entwickelt hat und auch versteht. Jeder hat mitgebaut, jeder hat mitgeredet, auch die, die in normalen Meetings selten zu Wort kommen. Am Ende stellt jede Gruppe ihre Fabrik vor. Und überlegt sich sogar einen Werbeslogan dafür.

Das Schöne an dieser Methode: Sie funktioniert, weil sie das Abstrakte greifbar macht. Eine Fabrik, die man anfassen, umbauen und einreißen kann, verliert ihren Schrecken. Plötzlich diskutiert eine ganze Gruppe nicht mehr über Folien, sondern über ihre gemeinsame Zukunft.

Das Wertvollste aber sind die Ideen, die liegen geblieben sind, weil sie heute noch nicht funktionieren. Sie sind nicht gescheitert. Sie warten nur darauf, entwickelt zu werden. Genau aus solchen „geht noch nicht“-Momenten entstehen die spannendsten Innovationen, und nicht selten das nächste gemeinsame Projekt im Netzwerk.

Und manchmal beginnt diese Zukunft eben damit, dass jemand sagt: „Lass das, das funktioniert so noch nicht.“ Und alle gemeinsam anfangen, es möglich zu machen.